Kollege Schlechtmacher – der ungerufene Zweitgutachter

Fast immer, wenn ich längere Zeit bei einem Kunden arbeite, kommt irgendwann einer meiner Kollegen hinzu. Oder ein Pseudokollege, also jemand, der sich „total am PC auskennt“, wie er meint, oder wie sein Umfeld meint.

Ganz grundsätzlich ist dieser Mensch vom Bedürfnis getrieben, sich in ein gutes Bild zu setzen, denn er sucht Beachtung oder einen neuen Auftrag. Also lässt er sich kurz beschreiben, wie „alles bisher eingerichtet wurde.“

Mein(e) Kundin/Kunde ist natürlich froh über diese Möglichkeit, eine kostenlose Zweitmeinung zu bekommen. Schließlich kann ich ein noch so freundliches Gesicht machen, wahrscheinlich ist das nur eine Larve, hinter der ich mein wahres Ich verberge.

Misstrauisch ist der Kunde, das kommt hinzu, ohnehin immer: entweder bin ich zu billig, dann tauge ich nichts, oder ich bin zu teuer, dann bin ich zu teuer.
Besonders „teuer“ mutmaßen die Kunden immer, selbst dann, wenn sie mich tage- und nächtelang mit ausgesprochen gutem Erfolg vor Ort an ihren Computern schwitzen sehen. Denn braucht es lang, kann ich meinen Job nicht, geht es fix, war es ja kein Problem und darf eigentlich nichts kosten.

Nun ist aber – wir erinnern uns – gerade mein Kollege hinzu gekommen. Er wirft einen Blick auf mein Werk, sei es eine Online-Publikation, sei es eine Computer-Einrichtung.

Sofort weist er darauf hin, dass alles Dreck sei. So hätte es nicht gemacht werden dürfen, dieses ist falsch, jenes geht gar nicht. Diesen Informatikbrei serviert der Kollege mit einer ätzend scharfen Soße aus gequälten Stöhnlauten und mit einer Fachausdruck-Tunke, die meine(n) Kunden/Kundin verwirrt.

Kundin oder Kunde wendet sich nun wiederum an mich, was ein Segen und ein Fluch ist; ein Segen, weil man es immerhin mitbekommt, ein Fluch, weil es schwer ist, dagegen etwas zu sagen. Den anderen nun meinerseits in Bausch und Bogen schlecht zu machen, ist nicht mein Stil und würde außerdem nur dazu führen, dass das Kundenmisstrauen weiter stiege.

Also hört man erstmal zu.

Häufig zeigt sich rasch, dass unser „Zweitgutachter“ einen, sagen wir mal, exotischen Standpunkt vertritt. Er empfiehlt facebook statt Google-Optimierung, Linux statt Windows, Datensicherung in die Cloud oder Flash Animation. Dass die Kunden seines Beratungs-Opfers über Google kommen, dass die jeweilige Firma auf Software angewiesen ist, die es für Linux nicht gibt, dass das Gesetz der jeweiligen Firma die Nutzung der Cloud aus datenschutzrechtlichen Gründen verbietet und die Flash-animierte Webseite für immer im Niemandsland der Suchmaschinen verschwindet, weiß er nicht, bedenkt er nicht oder pfeift drauf.

Sein großer Vorteil: ER wollte den Kunden nur verunsichern, hat sein Ziel erreicht und ist nun weg. Denn ich habe noch nie erlebt, dass ein Kunde aufgrund einer derartigen Schlechtmacherei zum Schlechtmacher wechselt – die meisten Menschen spüren instinktiv, dass da etwas nicht stimmt.
Mein Ziel zu erreichen, ist nun schwieriger geworden. Denn ich muss nun plötzlich einem Kunden, der mir treu bleiben soll, jeden Handgriff begründen. Was schwer ist, denn um die Begründung zu verstehen, müsste der Kunde zuerst geschult werden. Eigentlich müsste er dafür soviel über meine Arbeit wissen wie ich – und dann würde er mich nicht brauchen.

Die meisten meiner Kunden haben auch keine Lust auf fünfzehnjährige Praxisausbildung im IT-Bereich. Tatsächlich werden sie schon nach fünfzehn Minuten Erklärung ungeduldig.

Eine grundsätzliche Lösung dafür gibt es nicht. Meist weise ich meine Kunden darauf hin, dass meine Arbeit bisher den angekündigten Erfolg jeweils erbrachte. Und wenn es nur irgend möglich ist, räche ich mich grauenvoll, indem ich meinem Konkurrenten – dass er kein „Kollege“ ist, hat er ja bewiesen – ARBEIT mache. Ich sende meinem Kunden nämlich Belege, die die von mir empfohlenen Lösungen fachlich und sachlich untermauern. Dann veranlasse ich meinen Kunden, beim Schlechtmacher nochmal nachzufragen und Stellung beziehen. Oft empfehle ich meinem Kunden, sich das Angebot des Schlechtmachers genau anzusehen („Vielleicht hat Ihr Bekannter ja wirklich eine bessere oder billigere Idee. Dann wechseln wir natürlich. Ich denke, Sie sollten auf jeden Fall neutral entscheiden, wem Sie vertrauen!“). Es kam noch nie vor, dass der andere ein wirklich besseres und billigeres Angebot hatte; bei Geschmacksfragen kann man natürlich streiten, bei Ergebnissen aber nicht.
Meist bleiben die Kunden dann dort, wo sie sind. Bei mir, gottseidank oder vielmehr: Kunde sei Dank. Manchmal ist das gesäte Misstrauen nicht mehr heilbar, und er will sich mit der Materie nicht auseinandersetzen; solche Kunden landen in der Regel bei dem Berater mit dem schicksten Jackett und dem dicksten Cabrio.

Aber denen weine ich auch nicht nach – Kunden, die sich gern blenden lassen, so ist meine Erfahrung, zahlen schlecht.

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